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Bericht über die Gleisblockade bei Harlingen am 26./ 27. 11. 2011, Gerd B. Drucken E-Mail


Mehrere tausend Menschen blockierten den Castor auf dem Gleis bei Harlingen, auf der Strecke von Lüneburg nach Dannenberg, eine ganze Nacht lang. Wie die ersten Aktivisten auf die Gleise gelangt sind, habe ich nicht mitbekommen, da ich erst bei der Demo in Dannenberg war und mich erst anschließend nach Harlingen begeben habe, 4 km von Hitzacker entfernt. In der Taz war zu lesen, die Polizei habe die Anweisung gehabt, bloß symbolisch dazustehen und die Leute durchzulassen: es waren einfach zu viele.

Sitzblockade in Harlingen 26.11.11 Foto: Andreas Conradt PubliXviewinGAls ich kam, kümmerte sich die Polizei überhaupt nicht um die Gleisbesetzer. Die Stelle, an der die Gleisbesetzung stattfand, liegt an einer Senke, an der die Bahntrasse einen hohen Wall bildet, man musste ca. 50 m steil ansteigen, um auf das Gleis zu gelangen. Auf der anderen Seite des Walles war es weniger steil; da war ein Feldweg, auf dem die Polizei hin- und herfuhr, dieser Weg war erst ein wenig unterhalb des Gleises, stieg dann aber an und verlief oberhalb. Zwischen dem Gleis und dem Weg war Platz für kleine Feuer, die alle 25 m brannten. Im Laufe der Nacht lernte ich den Wert dieser Feuer sehr schätzen! Obwohl es nicht übermäßig kalt war, drohte doch immer wieder ein Sprühregen, der sich aber zum Glück nie zu einem richtigen Regen auswuchs.


Immer wieder kamen Helfer mit Kartons voller Lebensmittel auf die Gleise und boten Bananen, Kohlrabi, Brot oder Schokolade an, ebenso Tee oder andere heiße Getränke. Man musste schon aufpassen, nicht zu viel durcheinander zu essen! Besonders dankbar war ich für Wasser, nachdem ich meine mitgebrachten Vorräte im Laufe der Demonstration in Dannenberg geleert hatte.

Für musikalische Begleitung der Blockade war auch gesorgt: Unten auf der Wiese, die später zum Polizeikessel werden sollte, stand ein Lautsprecherwagen, von dem aus Klaus der Geiger mit großer Ausdauer seine Lieder sang. Etwas weiter oberhalb war ein zweiter Wagen, auf dem ich u. a. Konstantin Wecker und andere seiner Generation gehört habe, wahrscheinlich nicht live, sondern auf CD. Außerdem hatten viele Blockierer Gitarren und andere Instrumente mit, irgendwann tauchte unten auf der Wiese auch mal die Trommelgruppe auf, die uns schon auf der Demo erfreut hatte, und beschallte den Wald.


In sofern hob die musikalische Begleitung durchaus die Stimmung. Was mir auf die Dauer übel aufstieß, war allerdings die später fast durchgehend gespielte Technomusik. Das eintönige BUM BUM BUM BUM ging auf die Dauer durch Mark und Bein. Ich habe ja nichts dagegen, wenn gelegentlich mal so ein Titel gespielt wird, für Leute, die diese Art von Musik mögen, aber stundenlang? Es war, bitte sehr, eine Blockade, keine Techno-Party. Mir wäre lieb, wenn diese Frage mal ernsthaft diskutiert würde. Sogar als die Polizei die Blockade schon aufgelöst und alle diejenigen, die nicht freiwillig gingen, in den Kessel verfrachtet hatte, hörte man den ganzen Rest der Nacht durch, wenn auch leiser, diese Musik. Ich denke, irgendwann sollte mal Schluss sein, irgendwann, zum Beispiel um 4 Uhr in der Nacht, könnte erwartet werden, dass Menschen schlafen wollen. Außerdem sollte einmal überdacht werden, was es bedeutet, wenn die Polizei 1500 Leute widerrechtlich einsperrt: Das ist zunächst einmal eine Niederlage, eine Niederlage für die Demokratie und für die Menschenwürde. Unsere Trauer darüber könnte sich in Schweigen ausdrücken, nicht im Weitermachen mit dem ewigen BUM BUM.


Im Laufe der Nacht baute die Polizei unten auf der Wiese ihren Kessel auf: Ein Kreis von ca. 1 Hektar, gebildet durch ca. 50-80 Polizeifahrzeuge, die so eng aneinander gestellt waren, dass man nicht zwischen ihnen hindurch konnte; zusätzlich ein Polizist an jeder Lücke. Die Bildung dieses Kessels war von oben durch die Bäume im Dunkeln nur zu erahnen.


Die Polizei kündigte irgendwann an, man werde das Gleis räumen und verhängte für alle Anwesenden ein Aufenthaltsverbot. Aber wer wolle, dürfe das Gelände in Richtung Harlingen verlassen. Ca. 1500 Personen, die nicht freiwillig gingen, wurden in den Polizeikessel geführt oder getragen. Die Beamten hatten durchweg schusssichere Westen und Helme an und wirkten auf diese Weise ausgesprochen breit und auch bedrohlich. Ansonsten war die Atmosphäre eher ruhig und unaufgeregt. Ich beobachtete aber auch einige Beamten, die es nicht lassen konnten, ihnen entgegenkommende Personen grundlos anzuschubsen.


In der Mitte des Kessels eine lange Reihe von Klohäuschen. Diese und die Ausgabe von Decken und Mahlzeiten seitens der Polizei entsprach den Standards der nationalen und internationalen Menschenrechtslage: Wer Menschen gefangen nimmt und sie auf diese Weise der Möglichkeit beraubt, selbst für sich zu sorgen, ist verpflichtet, diese Sorge zu übernehmen. Der „Feldgewahrsam“, wie der Kessel von der Einsatzleitung genannt wurde, ist aber rechtswidrig, was in den vergangenen Jahren mehrfach von Gerichten festgestellt wurde und in diesem Fall von einem Richter sogar noch während der Einkesselung. Warum ist nie versucht worden, dieses für die Polizei so „praktische“ Instrument in Gesetzesform zu gießen? Möglicherweise, weil ein solches Gesetzesvorhaben große Diskussionen auslösen würde. Es würde deutlich werden, dass die Einkesselung von mehreren tausend Menschen verdächtig an ein Konzentrationslager erinnert. Es ist eine wirksame Maßnahme, auch große Menschenmengen zu neutralisieren und ihre Wirkung auszuschalten. Die Frage ist, wie lange die BRD-Gesellschaft sich solche faschistoiden Maßnahmen der Obrigkeit noch gefallen lässt.


Ich gehörte zu denjenigen, die ihren Namen unter einen Antrag setzten, den die Rechtsanwälte vorbereitet hatten: Er sollte die Rechtswidrigkeit des Kessels feststellen und auf eine unmittelbare Beendigung drängen. Im Endeffekt waren wir von 4.15 Uhr früh bis fast um 15 Uhr nachmittags im Kessel gefangen. Wir werden Strafanzeige stellen und eine finanzielle Entschädigung verlangen.


Die Teilnehmer der Blockade waren zum großen Teil sehr jung und hervorragend organisiert. Immer wieder hörte man Rufe nach den Bezugsgruppen, die im Vorfeld gebildet worden waren. Eine neue Errungenschaft war für mich das „Human Mike“, zu deutsch „Kollektivmikrophon“ oder „Chormikrophon“: Ohne technische Hilfen wie Megaphon o. ä. ist es in einer großen Gruppe von mehreren hundert oder gar tausend Leuten im Prinzip unmöglich, sich zu verständigen. Das „Human Mike“ besteht darin, dass die Gruppe derjenigen, die dem Redebeitrag am nächsten ist, die Worte im Chor wiederholt. So verstehen auch alle übrigen, was gesagt wurde. Die kommunikative Wirkung ist ungemein positiv: Alle hören mit größter Konzentration zu, und wer etwas sagt, muss sich sehr kurz fassen und seinen Beitrag in kleine Teile teilen, damit Wiederholungen im Chor möglich sind. Außerdem wird durch diese Methode die Ruhe und Reflexion im gesamten Plenum gefördert.


Generell war die Atmosphäre nicht nur auf dem Gleis, sondern auch nachher im Kessel fröhlich und positiv, mit einem Ausrutscher allerdings, der bewies, wie unkontrollierbar eine große Menschenmenge ist. Nach Einsetzen des Tageslichts hatten viele sich aus ihren Schlafsäcken und Decken gewickelt, zumal auch immer wieder ein leichter Sprühregen drohte. Man begann mit Tänzen, um sich warm zu machen, und bald erscholl der Ruf „Wir wollen raus!“ Dieser Ruf wurde von nahezu allen wie ein Befreiungsschrei aufgegriffen, so dass er den Polizisten doch recht bedrohlich in den Ohren geklungen haben muss. Die Gruppe der Tanzenden, die nun immer größer wurde, bewegte sich nun zu den Stellen hin, wo Lücken im Autokreis vorhanden waren, um Rechtsanwälte und Seelsorger durchzulassen. Die Rufe wurden immer aggressiver, und man merkte den Versuch auszubrechen. Schließlich setzte einer der Polizisten Pfefferspray ein, worauf die Gruppe ins Innere des Kreises zurückflüchtete. Nach einiger Zeit beruhigte sich die aufgeheizte Atmosphäre wieder etwas, nachdem auch Unterstützer von außen zur Besonnenheit mahnten.


Die Eingeschlossenen erreichten schließlich eine bedingungslose Freilassung, nachdem die Polizei erst verlangt hatte, jedeR müsse seine Personalien angeben, andernfalls werde man ihn oder sie nach Lüchow bringen und dem Richter vorführen. Im vergangenen Jahr sei der Kessel auch ohne Personalienfeststellung aufgelöst worden, wurde argumentiert. Es gab ein längeres Plenum über die Frage, welche Personen nun unbedingt sofort nach Hause müssten und welche auf keinen Fall ihre Personalien angeben wollten, weil sie strafrechtliche Konsequenzen befürchteten. Schließlich half ein kräftiger Regenschauer der Polizei, das Gesicht zu wahren: Der Einsatzleiter erklärte, angesichts des ungünstigen Wetters gebe er nun den Platz ohne weitere Bedingungen frei.

Gerd B.

 
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