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Gleisblockade des Castor-Transportes in Harlingen am 26.-27.11.2011 – ein persönlicher Bericht, Michael W. Drucken E-Mail

Meine Bezugsgruppe versammelt sich am Samstagmittag im Camp Hitzacker, unsere Sprecherin nimmt am SprecherInnenrat teil und sagt uns anschließend, dass wir zu Fuß zur Bahnstrecke gehen. In einem großen Treck ziehen wir mit unseren Strohsäcken über die volle Breite der Straße nach Harlingen, eine eindrucksvolle Demo, die von einem Polizeihubschrauber aus beobachtet wird.

Fast alle AutofahrerInnen halten am Straßenrand, die meisten zeigen großes, positives Interesse an uns, lediglich in einem Auto sehe ich angespannte und ärgerliche Gesichter.

Über ein Stoppelfeld geht es in Harlingen in Richtung Bahngleise und wir kommen am Ort des letzten Gefangenenlagers vorbei. Dort sehe ich, wie ein langes Transparent aufgespannt wird, auf dem die Strophen des Liedes über die Gedankenfreiheit um eine Anklage gegen die letztjährige Gesa erweitert wird – eine eindrucksvolle Aktion, sie erinnert mich an das letzte Jahr im Frost dort auf dem Acker!

Wir gehen durch den Wald parallel zur Bahnstrecke, dort steht Polizei, ich sehe auch einen berittenen Beamten im Wald. Es ist den ersten von uns schon gelungen, an die Gleise zu kommen, sie werden zum Teil in Rangeleien wieder zurückgedrängt. In Richtung Leitstade stehen ebenfalls Polizeieinheiten, und wir beschließen, zum Durchschnitt der Bahnlinie durch den bewaldeten Hügel weiter zu gehen, um dann an einer günstigen Stelle leichter über den Abhang runter auf die Strecke zu kommen. In einer großen Gruppe schaffen wir das, werden aber erst noch wieder vom Gleisbett gedrängt, Polizisten versuchen, die dort geschotterten Abschnitte zu halten. Es gibt einige Rangeleien, wir ziehen es daraufhin vor, uns erst einmal am Fuß des Gleises zu sammeln und setzen uns. „Wir sind friedlich, was seid ihr?“ schallt es durch den Wald, „Abschalten, abschalten!“ Immer wieder werden unsere Versuche, auf das Gleis zu kommen, mit Gewalt verhindert.

Als immer mehr BlockiererInnen zum Bahndamm gelangen, müssen sich die Polizeikräfte dann doch teilweise zurückziehen, wir stürmen auf das Gleis, es ist geschafft:

WIR (WIDER)SETZEN UNS!!!

Immer weitere Gruppen kommen auf die Gleise, wir begrüßen sie mit Applaus, und die Polizei muss sich noch weiter zurückziehen. Unsere Gruppe rückt in Richtung Leitstade nach, die Gleisbesetzung wird wie im letzten Jahr zu einer großen, eindrucksvollen Blockade, eine große Freude überkommt mich: Hatte ich doch befürchtet, dass wir weniger sein würden diesmal und dass es darum härter würde, durchzuhalten. Meine Befürchtungen waren unnötig, es sind wieder wohl drei- bis viertausend, die bei einbrechender Dunkelheit am Abend Lagerfeuer entzünden und sich für die Nacht einrichten. Die Stimmung ist sehr gut, einige singen zur Gitarre, andere hören ihre mitgebrachte Lieblingsmusik.

Es wird wieder eine Reihe von Mannschaftsbussen der Polizei auf dem Parallelweg oberhalb der Gleise aufgestellt, dort wird später auch eine Art Flutlicht aufgebaut. Auch auf der anderen Seite werden wir bewacht, aber es ist noch jederzeit möglich, auf die Strecke zu kommen oder auch weg zu gehen. So bekomme ich tatsächlich Besuch von FreundInnen, und wir können uns über die Aktionen im Wendland austauschen. Leider klappt es nicht so gut mit Radio Freies Wendland dieses Jahr, es gibt wenig Sendezeit und der Empfang ist hier leider schlecht, aber ein paar Infos kommen durch.

Dank an die Schotterer, die durch ihre Aktionen tiefe Löcher in das Gleisbett gegraben haben: Es ist diesmal wesentlich einfacher, länger zu sitzen, ich kann meine Füße in ein Schotterloch stellen und aufrecht mit dem Strohsack auf der Schiene wie auf einem Stuhl sitzen, richtig komfortabel!

Es wird zum Glück nicht so kalt, zwar weht ein starker Wind und es regnet ab und zu, aber es ist auszuhalten. Wir erhalten Lebensmittel, es gibt Kartons mit lecker geschmierten Broten, mit Obst, Keksen und Schokolade, die durchgereicht werden, das sind Leckereien zum 1.Advent, am späteren Abend kommen dann auch Suppe und Tee von unseren VolxköchInnen – Euch großen Dank, ohne Mampf…!!

Leider sitzen neben uns auch einige, die viel Alkohol mitgebracht haben und sich damit zuschütten – noch schade, je später der Abend wird, umso weniger bekommen sie nun mit, es ist wohl wie in ihrem „richtigen Leben“ außerhalb der Blockade.

Und dann kommen endlich meine LieblingsmusikantInnen: die Samba-Trommelgruppe! Es macht wieder große Freude, den Samba Chulipa, also den Schienen-Samba zu tanzen, mir wird wieder ordentlich warm, mit großem Applaus verlangen wir mehrere Zugaben – Euch vielen, vielen Dank! Und auch die Bläsergruppe zieht uns in ihren Bann, ihre Musik tut gut und erfreut das Herz, auch Euch vielen Dank! Ich rolle meine Isomatte aus und versuche, ein wenig zu schlafen, als gegen 2:30 Uhr über einen Lautsprecherwagen der Polizei die übliche Aufforderung zum Verlassen der Versammlung usw. plärrt, was in den Pfiffen und Buh-Rufen untergeht, es soll also geräumt werden. Wir singen unser „Wehrt Euch, leistet Widerstand…“ und nach einer halben Stunde beginnt die Räumung.

Meine Erfahrung bei der Räumung habe ich dem Ermittlungsausschuss Wendland mitgeteilt, ich zitiere der Einfachheit halber daraus:

„Ich befand mich zur Zeit der Räumung ungefähr im von Harlingen aus gesehen letzten Drittel der Blockade, es gab dort zu dieser Zeit keine Pressevertreter mehr und ich sah auch keine Konfliktmanager der Polizei oder Seelsorger der Kirche… Es muss so gegen 4:30 Uhr gewesen sein, als drei junge Polizeikräfte auf mich zutraten, mich fragten, ob ich jetzt die Blockade freiwillig verlassen wolle, und mir sagten, dass ich nun aufstehen und das Gleisbett verlassen solle. Andernfalls würde ich von dort entfernt und dabei könne durchaus auch körperliche Gewalt angewendet werden…

Da ich mich in völlig offener, klassischer Blockade-Haltung, meinen Rucksack auf dem Rücken, mit den Händen unter meinen Knien gefasst hatte und mich auf der in Richtung Harlingen gesehen rechten Seite des Gleises befand – zu dieser Seite hin wurde die Räumung vorgenommen –erwartete ich, von den Polizisten hochgenommen und weggetragen zu werden. In dieser Erwartung habe ich meinen Griff nicht gelockert, als der Polizist zur Linken meine Hände auseinanderziehen wollte. Daraufhin ergriff dieser den Ringfinger meiner linken Hand und riss ihn gegen die Beugerichtung nach unten, ein stechender Schmerz fuhr vom Finger aus in den Arm und ich befürchtete, der Finger würde gebrochen. Ich ließ natürlich sofort meine Hände los. Dieser Körperverletzer im Amt versuchte daraufhin, einen Schlagstock durch meine linke Achsel zu stecken, was aber wegen Poncho und Rucksack nicht gelang. Mit dem Kommentar: „Er leistet noch Widerstand!“ warf er mich dann auf meine rechte Körperseite, ich schlug mit dem Kopf auf den Schotter. Er ergriff meinen linken Arm, verdrehte ihn mit Brachialgewalt und drückte ihn gegen etwas, ich vermute gegen sein Knie, sodass ich befürchtete, dass mir nun der Arm gebrochen werden sollte. Ich schrie auf, woraufhin er ein Knie auf meine linke Kopfseite in Höhe des Jochbeins stellte und mit Gewicht darauf drückte und den Arm weiter verdrehte. Der Schmerz war ungeheuerlich, und ich schrie, dass er mir doch nun das Jochbein breche. Ich sah ein Blitzlicht. Ein Kommentar eines Polizei-Kollegen veranlasste ihn dann wohl, diese Tortur abzubrechen.

Völlig benommen wurde ich dann hochgerissen, ein Polizist zu meiner Rechten versuchte, mir den Rucksack abzureißen, aber da ich sowohl Brust- als auch Beckengurt festgezogen hatte, gelang ihm dies nicht…

Die beiden ausführenden Beamten an meiner Seite nahmen mich nun in die Mitte und zogen mich im Laufschritt in Richtung Gesa. Ich protestierte gegen die Misshandlungen, die ich als Körperverletzung im Amt bezeichnete, und verlangte Namen und Dienstnummern der Beteiligten, worauf diese zwar schwiegen, aber meine Arme verdrehten und ihren Schritt noch beschleunigten.

Erst in Sichtweite der Gesa blieben sie noch im Wald stehen, und der von mir als Vorgesetzter gesehene Beamte versuchte mich zu belehren, dass ich selbst Schuld sei, da ich die Weisungen der Polizei nicht befolgt hätte. Außerdem erklärte er aufgebracht, wir Blockierer hätten eine Müllhalde auf den Gleisen hinterlassen, das seien nun wir, die neuen Ökos. Dass ich meine Abfälle mitgenommen und meine Lebensrettungsfolie deutlich sichtbar außen am Rucksack befestigt hatte, ließ ihn verstummen.

Ich verlangte erneut Namen und Dienstnummern, daraufhin wurde mir gesagt, man wisse ja meinen Namen auch nicht. Ich stellte mich vor und erhielt als Antwort, dass einer von ihnen David Copperfield hieße. Meine Erwiderung, dass man das selbst wohl nicht glaube, dass ich aber auch gegen Unbekannt Anzeige erstatten würde, brachte den „Vorgesetzten“ dazu, mir mitzuteilen, dass ich Widerstand geleistet und mit einer Anzeige zu rechnen hätte, sie könnten das alle drei bezeugen…

Ich sah keine Möglichkeit, mein Recht auf Auskunft durchzusetzen, und befürchtete nun eine evtl. folgende Verhaftung mit weiteren Misshandlungen und erklärte, dass ich dieses Vorgehen für eine Ungeheuerlichkeit hielte und dass sie dies im Inneren wohl selbst wüssten, sonst würden sie nicht anonym bleiben wollen, und erklärte, dass ich die letzten Meter in das Lager selbst gehen wolle, ich sei das unselige Gezerre Leid, und ging....“

Im Lager, das wieder aus einer riesigen Wagenburg mit Stoßstange an Stoßstange geparkten Polizeifahrzeugen besteht – ohne Panzer und Wasserwerfer diesmal, haben sie wohl alle in Metzingen, denke ich – und vielen bewehrten PolizistInnen dazwischen, finde ich meine Bezugsgruppe und erzähle kurz, was passiert ist. Dann hole ich mir eine Decke und lege mich erst einmal auf meine Matte, ich bin ziemlich geschafft, aber auch froh, dass es noch relativ glimpflich abgegangen ist.

Nach einiger Zeit höre ich die unregelmäßigen Schläge einer Art Metalltrommel und schlafe ein. Dieses Geräusch stammt von einer Frau, wohl eine Art Schamanin, die unermüdlich den ganzen Tag durch die Reihen der Polizei um unser Lager läuft und trommelnd dabei sicherlich gute Absichten verfolgt, ich sehe sie bei unserem freien Abzug mit vor Freude strahlendem Gesicht am Ausgang stehen – vielen herzlichen Dank auch Dir, Du gute Fee!

Zum Frühstück bringt mir ein Gruppenmitglied fürsorglich einen Kaffee ans „Bett“, es gibt Leckeres von unserer Volxküche – danke! – und wir beraten, wie es weitergeht. Es bilden sich Demogruppen, die zum Ausgang ziehen und „Sofortige Freilassung aller Gefangenen“ sowie „Die Mauer muss weg!“ fordern, die unglückliche „Wir sind alle Miriam Schultz“-Parole verstummt zum Glück – hoffentlich für immer. Aufgeregte PolizistInnen verfolgen den Zug kleiner Demogruppen, ich bin in der Nähe beim Müllsammeln und höre, wie ein Funkspruch an die Abteilungen gegeben wird: „Achtung, eine Gruppe nähert sich, auch vermummte Personen sind darunter!“ und die Situation scheint zu eskalieren. Es brennt auch in einem Dixi-Klo, weiße Rauchschwaden ziehen ins Lager.

Aber als sich aus einer Kette von uns Freiheitsberaubten ein langer Reigen bildet, der immer länger wird und sich langsam als Kreis parallel zu den Polizeikräften um das Lager bewegt, beruhigt sich die Lage.

Und da kommt mir plötzlich eine Idee: Wenn es zukünftig noch einmal so ein Lager geben sollte, könnten wir die Situation für uns umdefinieren. Mit ein wenig Vorbereitung könnte man den Platz des Kessels frei nach dem Lied von Walter Moßmann „Auf welcher Seite stehst Du, he, / hier wird ein Platz besetzt /..“ zu einem Bezirk Harlingen der Freien Republik Wendland erklären, ein Absperrband ringsum ziehen, Ein- und Ausgang installieren und wieder wie damals in der FRW im Gorlebener Forst beim Bohrloch 1004 Pässe ausgeben. Man könnte, wie auch schon heute in unserem Lager, wirkliche Demokratie praktizieren und ein befreites Gebiet errichten….aber: Hoffentlich brauchen wir das nicht mehr wenn die Illegalität solcher Polizeiaktionen endgültig festgestellt sein wird.

Das Wetter wird immer schlechter, es stürmt und regnet ziemlich stark und es gibt keinen Schutz außer einigen Folien und Polyesterdecken. Gegen Mittag lässt die Polizei verlauten, dass wir in die Gesa Lüchow gebracht werden könnten (in Gruppen zu je 44 Leuten!?!), wenn wir uns am Ausgang dafür anstellten – es würden die Personalien festgestellt und es würde ein Platzverweis für alle Anlagen der Bahn AG für die Zeit des Castor-Transportes ausgesprochen – zu durchsichtig das Ganze, denke ich, sie wissen um die Illegalität dieses Kessels und wollen uns in legale Gefangenschaft bringen. Später wird verlautbart, dass man uns in Richtung Harlingen abziehen lassen würde, wenn wir Personendatenabgabe und Platzverweis akzeptierten. Im SprecherInnenrat wird dies mehrheitlich abgelehnt, wobei es allen freisteht, sich diesen Bedingungen zu unterwerfen. Und einige, die bestimmt gute Gründe haben, gehen.

Martin Lemke vom EA, der auch an unseren Versammlungen teilnimmt und uns Infos über eine Richtermeinung zu diesem Kessel gibt, sammelt zwischenzeitlich Anzeigen gegen die Verantwortlichen in der Polizeidirektion Lüneburg, es werden wohl ein gutes Dutzend. Und er verhandelt weiter mit der Polizeiführung vor Ort.

Auf der Linie: Dieser Kessel war von Anfang an illegal und es lassen sich keine legalen Schritte der Polizeiführung, auch nicht im Sinne ihrer Vorschläge, daraus ableiten – bleibt die übergroße Mehrheit auf dem Platz und trotzt dem immer starker werdenden Regen.

Gegen 15:30 Uhr dann geben sie auf:

WIR KOMMEN OHNE JEDE BEDINGUNG FREI!!!

Und haben unsere Blockadeaktion zu einem guten, erfolgreichen Ende geführt!"

Michael W.

 
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